Ohrenheilkunde beim Kleintier
„Das Ohr ist die Lupe des Hauttierarztes!“
Erkrankungen des Ohres spielen in der tierärztlichen Dermatologie eine zentrale Rolle. Veränderungen zeigen sich im Ohr häufig deutlich intensiver als an der umgebenden Haut und liefern wichtige diagnostische Hinweise.
Eine Ohrenentzündung beim Hund oder bei der Katze bezeichnet eine Entzündung des äußeren Gehörgangs bis zum Trommelfell (Otitis externa) oder des hinter dem Trommelfell liegenden Mittelohres (Otitis media).
Zeigt Ihr Tier eines oder mehrere der folgenden Anzeichen, kann eine äußere Ohrenentzündung (Otitis externa) vorliegen:
- Rötung des äußeren Gehörgangs
- Juckreiz
- Ohrenschmerzen
- Schwellung des äußeren Gehörgangs
- Ausfluss aus dem Ohr
- Kopfschiefhaltung
- Gehörgangverkalkung (harte, schmerzhafte Gehörgänge)
Sind zusätzlich einige der folgenden Symptome vorhanden, ist eine Mittelohrentzündung (Otitis media) wahrscheinlich:
- Fazialisparese: hängende Lippe, hängendes Augenlid, vermehrter Speichelfluss
- Horner-Syndrom: kleiner erscheinendes Auge, veränderte Pupillengröße, sichtbares drittes Augenlid
- Schmerzen beim Gähnen oder bei der Futteraufnahme
- Unsicherer Gang, Driften zu einer Seite
- Taubheit, trockenes Auge, trockener und rissiger Nasenspiegel
- Hochgestelltes Ohr, enge Lidspalte, Gesichtsfalten, verzogene Nase
- Videootoskopisch: getrübtes oder nicht sichtbares Trommelfell
Bei einer Ohrenentzündung ist eine reine Symptombehandlung nicht zielführend. Nur durch eine fundierte Ursachendiagnostik kann eine nachhaltige Therapie erfolgen.
Die Diagnostik einer Otitis externa umfasst nach ausführlicher Anamnese und allgemeiner Untersuchung:
- Spezielle Ohrenuntersuchung mittels Videootoskopie
- Zytologische Untersuchung eines Ohrabstrichs
- Ggf. bakteriologische Untersuchung im Labor
- Gewebeprobennahme
- Bildgebende Diagnostik (Röntgen und/oder CT)
- Ohrspülungen zur Beurteilung des Trommelfells
- Nur so lassen sich alle beteiligten Faktoren einer Otitis externa oder Otitis media sicher erkennen.
1. Grundursachen: Nur Grundursachen können eine Ohrenentzündung auslösen. Ohne Grundursache gibt es keine Gehörgangentzündung. Am häufigsten sind Allergien, daneben kommen hormonelle Störungen, Autoimmunerkrankungen, Fremdkörper (z. B. Grannen), Ohrmilben und weitere Ursachen infrage.
2. Begünstigende Faktoren: Diese lösen keine Entzündung aus, fördern sie jedoch. Dazu zählen u. a.:
- Rassebedingt enge Gehörgänge (z. B. Shar Pei)
- Übermäßiger Haarwuchs im Ohr (z. B. Pudel)
- Vermehrte Drüsen (z. B. Cocker Spaniel)
- Erhöhte Feuchtigkeit, z. B. bei schwimmfreudigen Hunden (Labrador)
3. Aufrechterhaltende Faktoren: Diese Faktoren sorgen dafür, dass die Entzündung bestehen bleibt. Hierzu gehören vor allem Bakterien und Hefen als sekundäre Erreger. Besonders gefürchtet ist Pseudomonas, da dieser Keim schwer therapierbar ist. Da etwa 80 % aller Gehörgangentzündungen innerhalb von zwei Wochen zu einer Mittelohrentzündung führen können, stellt diese einen der wichtigsten aufrechterhaltenden Faktoren dar. Chronische Entzündungen können zudem irreversible Gewebeveränderungen verursachen.
Grundsätzlich müssen alle diagnostizierten Faktoren konsequent behandelt werden. Priorität hat zunächst die Schmerzlinderung für den Patienten.
- Akute Ohrenentzündungen lassen sich häufig gut mit geeigneten Ohrenmedikamenten therapieren
- Wiederkehrende oder nicht abheilende Entzündungen gelten als chronisch und erfordern eine umfassende Abklärung
- Bei Verdacht auf eine Otitis media ist eine Ohrspülung notwendig
- Zur Beurteilung des Trommelfells werden Röntgenaufnahmen angefertigt, ggf. wird das Mittelohr gespült
Ohrspülungen erfolgen immer in Narkose, um Schmerzen, Abwehrbewegungen und Verletzungen empfindlicher Strukturen im Mittelohr zu vermeiden. Die Spülung kann pro Ohr bis zu einer Stunde dauern. Erst danach lässt sich eine Prognose zum weiteren Verlauf stellen.
Konservative Therapien umfassen je nach Befund:
- Lokale und systemische Medikamente
- Futterumstellung
- Allergiemanagement oder gezielte Therapie anderer Grundursachen
Auch nach Abheilung ist oft eine langfristige Ohrenpflege über Monate oder Jahre erforderlich. Hierfür stehen zahlreiche individuell einsetzbare Ohrreiniger zur Verfügung.
Ist eine Operation notwendig, richtet sich das Vorgehen nach dem Zustand des Mittelohres:
Zepp-Operation: nur bei nachweislich gesundem Mittelohr; Erweiterung des äußeren Gehörgangs zur besseren Belüftung und Reinigung
TECA-LBO: bei unkontrollierbarer Mittelohrentzündung vollständige Entfernung des erkrankten Gehörgangs mit Anteilen des Mittelohres zur dauerhaften Schmerzfreiheit
Unabhängig von der chirurgischen Methode wird stets auch die Grundursache behandelt, um das zweite Ohr und andere Körperregionen langfristig gesund zu halten.